Der digitale Abdruck in der Wirklichkeit.

Man darf das Vorhandene nicht aus Verlangen nach etwas Fernem abfällig behandeln, sondern muss bedenken, dass auch das Vorhandene zu den ersehnten Dingen gehörte.
Epikur, Gnom. Vat. Ep. 35

 

Seit mehr als einem Jahr verwenden wir in der Praxis einen intraoralen Scanner. Haben sich unsere Erwartungen erfüllt? Benutzen wir das Gerät wie vorgesehen? Würden wir es wieder kaufen?

In diesem Blogpost berichte ich von unseren Erfahrungen damit. Es handelt sich um einen Bericht aus Anwendersicht.

Als Spezialist für Prothetik bin ich fest davon überzeugt, dass digitale Prozesse in der Zahnmedizin auch aus Gründen der Qualität eine große Zukunft haben.

Und ohne digitale Farbbestimmung und Fotografie wäre schon in der Vergangenheit eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit meinem Zahntechniker undenkbar gewesen- ist dieses Labor doch 500km entfernt.

Wir benutzen einen CS3500 von Carestream®. Entschieden haben wir uns für diesen, weil er in Farbe scannt, offene .stl-Daten erzeugt und ein kompaktes, tragbares Gerät ist, dessen Datenmanagement transparent und lokal erfolgt.

Die Präzision von intraoralen Scannern ist immer wieder Gegenstand von Studien, z. B. hier oder hier, und dürfte inzwischen außer Frage stehen. Für mich als Kliniker ist es wichtig, dass diese Geräte innerhalb ihrer Indikationen so genau wie konventionelle Abdrücke (bei uns verwenden wir Polyether) sind.

Behauptet wird auch eine Zeitersparnis gegenüber konventionellen Abdrücken, z. B. hier.

Lassen Sie mich von unserer Wahrnehmung hierzu schreiben.

Der CS3500 macht Einzelbilder, die im Anschluß an den Scan zu einem 3D-Modell zusammengerechnet  werden. Da dies auf dem Rechner geschieht, an dem der Scanner angeschlossen ist, können wir das digitale Modell beurteilen, sobald es errechnet ist, was ein paar Minuten dauert. Ist es insuffizient, können wir sofort nachscannen und erneut auf die Berechnung warten. Klingt gut oder?

Wenn wir die Zeit messen, die wir brauchen, um einen konventionellen Abdruck vorzubereiten (Löffel auswählen, individualisieren), den Abdruck zu nehmen (6min ab Mischbeginn)- und später auch den Abdrucklöffel zu reinigen, dann ist der intraorale Scan schneller.

Aber: Wenn ich den Abdruck aus dem Mund entnehme, dann sehe ich sofort unter der Lupenbrille, ob der Zahntechniker damit arbeiten kann.

Beim digitalen Abdruck muß ich die Berechnung des Scanners abwarten und dann in Software den .stl-Datensatz kontrollieren. In der Zeit wartet der Patient, denn das Provisorium können wir erst einsetzen, wenn der Scan ok ist. Und es kommt oft vor, daß wir nachscannen müssen oder wollen, weil wir unzufrieden sind oder uns einfach nicht sicher.

Diese wiederholten Rechenschritte brauchen länger als Impregum®.

Digitale Abdrücke müssen seltener wiederholt werden als konventionelle.

In unserer Praxis kommt es selten vor, dass wir einen Polyetherabdruck wiederholen müssen, etwa einer von 30.

In der Anfangszeit mussten wir jeden vierten digitalen Abdruck in einer zusätzlichen Sitzung korrigieren, was zwar, da sich der insuffiziente Teilbereich einfach löschen und nachscannen läßt, technisch einfach ist, jedoch immer mit Unannehmlichkeiten für den Patienten und Aufwand für das Praxisteam verbunden ist.
Das ist seltener geworden, was aber vor allem daran liegt, dass wir dazu übergegangen sind, den Kiefer, in dem die prothetische Arbeit eingliedert werden soll, konventionell abzuformen und den Gegenkiefer digital.

Es kommt bei uns selten vor, dass eine Präparation nicht wenigstens in Teilbereichen so weit subgingival ist, dass der Scanner mit der Erfassung Schwierigkeiten hat. Und bevor wir es versuchen, nehmen wir inzwischen wieder gleich den Polyether.

Arbeiten aus dem digitalen Workflow passen besser als konventionell hergestellte.

Unsere Vorgehensweise ist gemischt, denn die zahntechnische Arbeit erfolgt nicht digital, sondern lediglich auf einem gedruckten Modell. Ein bisher für uns nicht zufriedenstellend gelöstes Problem sind die viel zu strammen Approximalkontakte. Diese am Stuhl anzupassen ist zeitaufwändig und mühsam – ein Problem, dass wir in der konventionellen Vorgehensweise schlicht nicht haben. Eigentlich müßte man diese Zeit doch dem digitalen Abdruck zuschreiben oder?

Die Passung unserer vollanalogen Arbeiten ist, das kann ich mit Stolz feststellen, fast ausnahmslos sehr gut und dürfte auch strengsten Ansprüchen genügen. Gefühlt sind die Randspalten der auf den gedruckten Modellen erstellten Arbeiten gut, aber eben nicht so gut, wie wir es gewohnt sind.

Ob dies besser ist, wenn wir auch digitale Werkstücke verwenden, kann ich nicht beurteilen, bezweifle es jedoch.

Eine Beobachtung ist jedoch auch zu vermerken: die digitalen Gegenkiefermodelle sind meistens präziser als die Gipsmodelle nach einem Alginatabdruck, dass heißt die okklusalen Fehler sind nochmals geringer.

Dem digitalen Abdruck gehört die Zukunft.

Ganz sicher. Mir scheint, dass ohne Beherrschung konventioneller Techniken heute ein sinnvoller Einsatz intraoraler Scanner nicht möglich ist.

Wir verwenden das Gerät gern – zur Dokumentation, für die Kieferorthopädie, als Gegenkiefermodell oder bei der Planung von Implantationen. Hier sind die Möglichkeiten im schönsten Sinne disruptiv und ermöglichen auch eine verbesserte Kommunikation.

Und anders als erwartet eben nicht für den ursprünglichen Einsatzzweck- die Herstellung von Prothetik. Hier würden wir unseren Workflow heute verschlechtern.

Würde ich den Scanner wieder anschaffen?

Ja.

Weil er es uns heute ermöglicht, Erfahrungen mit dem Arbeiten von Morgen zu machen.

Und Erfahrung ist in der Zahnmedizin ein kostbares Gut.

 

 

 

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